Raymond Bachmann – Pionier seines Fachs

Raymond Bachmann übernahm 1965 die Bäckerei-Konditorei auf dem ­Wesemlin von seinem Vater. Unter seiner Leitung entwickelte sich die ­Confiserie Bäckerei Bachmann zu einem erfolgreichen Unternehmen mit 19 Fachgeschäften. Seit 1997 hat er die Firmenführung an seine Söhne ­Matthias und Raphael übergeben. Bis heute ist er aktives Mitglied der ­Geschäftsleitung und geschätzter Berater.

Auf dem Wesemlin florierten damals der Einzelhandel und das Handwerk. Erzählen Sie uns etwas über die «Mir uf em Wäsmeli»-Zeit.
Raymond Bachmann: Die Vereinigung «Mir uf em Wäsmeli» habe ich zusammen mit den Geschäftsinhabern des Quartiers gegründet. Das Ziel war eine Informationsbroschüre für das Quartier und die Durchführung von mehreren Events. Diese Art von Marketing war damals eine Neuheit. Unter anderem organisierten wir ein Frühstück auf dem Klosterplatz, versteckten Ostereier im Wesemlinwald, machten Wettbewerbe und jedes Geschäft bekam eine Seite in unserem Heftchen für Aktionen. Grundsätzlich ging es darum, die Quartierbewohner für den Einkauf im Quartier zu begeistern. Den Kindern aus dem Quartier erklärte ich immer gerne, wie Brot entsteht.

10 Jahre Zunftmeister zu Pfistern und heute Ehrenzunftmeister – Sie haben sich nicht nur im eigenen Betrieb, sondern fürs gesamte Handwerk stark gemacht. Was hat Ihnen dieses Amt bedeutet?
1408 organisierten sich die Bäcker (Pfister) zunftmässig und 1874 verkauften die Zunftmitglieder das Zunfthaus. Im Jahr 1875 wurde die Zunft aufgelöst. 1977 kaufte der Luzerner Bäcker-Konditorenmeister-Verband das Zunfthaus zu Pfistern von den damaligen Besitzern zurück. 1984 wurde von aktiven Bäckermeistern die Zunft zu Pfistern zur finanziellen Unterstützung des Zunfthauses wieder ins Leben gerufen. Bei der Neugründung 1984 wurde wieder ein Zunftmeister als Oberhaupt der Zunft gewählt. Nach Bäckermeister Otto Wagner und Fachschuldirektor Damian Schmid wurde ich nach intensiver Suche als neuer Zunftmeister angefragt. Nach reiflichen Überlegungen konnte ich mich für dieses Amt begeistern. Während zehn Amtsjahren versuchte ich, das Zunftleben zu aktivieren und die erwarteten finanziellen Mittel zur Unterstützung des Zunfthauses einzubringen. Es war eine schöne, erfreuliche Aufgabe und ich erlebte viele berufliche und kameradschaftliche Höhepunkte und interessante Kontakte. Als Dank für meinen langjährigen Einsatz wurde ich bei der Amtsabgabe zum Ehrenzunftmeister ernannt. Als Abschluss meiner zünftigen Tätigkeit habe ich mit Freund Peter Zai und Zunft­sekretärin Annemarie Stocker das Zunftbuch mit grossem zeitlichen Aufwand neu ­gestaltet. Das Buch kann im Restaurant Pfistern oder bei «Zunft zu Pfistern» gekauft werden.

Im Zusammenhang mit dem Brand der Kapellbrücke ­lancierten Sie Brandschachteln – diese sorgten schweiz­weit für Gesprächsstoff. Wie kam es zu dieser Idee?
1993 brannte der Grossteil der Kapellbrücke ab. ­Dieser Verlust der ältesten gedeckten Holzbrücke Europas löste ein riesiges Medienecho aus. Diese Sehenswürdigkeit war und ist weltweit bekannt. Die meisten der 158 Giebel­bilder waren dem Feuer zum Opfer gefallen. Da offerierte mir der bekannte ­Luzerner Künstler Alexander Scartazzini, das 159. Kapell­brücken­bild mit dem Brand zu malen, das ich dann als Vorlage für eine Schachtel-­Schokoladenspezialität in der gleichen Dreiecksform wie die Bilder benutzen durfte. Die Schachtel war ein grosser Hit und hat sich als Erinnerung sehr gut verkauft.

Einen grossen Erfolg feierten Sie mit der Europatorte. Erzählen Sie uns doch bitte, was es damit auf sich hatte.
Ich hatte viele fachliche Kontakte zu bekannten Confiseuren. Das Thema «Vereinigtes Europa» bewog mich, eine Europa­torte zu kreieren. Im Rezept hatte ich als Zutat den bekannten Cointreau verwendet. Das Rezept wurde in ganz Europa an Konditoreien verteilt, und die Firma Cointreau ­organisierte in vielen Städten eine Ausstellung mit Wett­bewerb. Dabei musste immer eine Europatorte gemacht werden. In Luzern organisierte ich mit Unterstützung der Firma Cointreau eine solche Ausstellung für die Schweiz im damaligen Kunsthaus Luzern – mit grossem Erfolg. Der Gewinner durfte eine Woche in unserem Betrieb schnuppern.

Wie kam es, dass die Backstube vom Wesemlin an die Werkhofstrasse (heute Tribschenstadt) verlagert wurde?
1980 wurde ich von einigen Mitarbeitenden in der Backstube auf die Platzprobleme angesprochen. Wir hatten damals schon sieben Fachgeschäfte (Rössligasse, «Gotthardhus», Emmen, Wesemlin, Hofkirche, Monopol, au Cœur fou). Die Confiserie­produktion und das Warenlager hatten wir im Nachbarhaus. Wir mussten mit den fertigen Pralinés jeweils über die ­Strasse fahren, wodurch es einige Male heikle Probleme gab. So bat ich den Stadtrat um Hilfe, ob leere Räume zur Miete frei oder ­Kaufmöglichkeiten von Bauland möglich wären. Nach zwei Wochen bekam ich vom damaligen Finanzdirektor und Präsidenten der Städtischen Pensionskasse, Armand Wyrsch, einen ­Termin für die Besichtigung von 3’000 m2 an der Werkhof­strasse 20. Diese Räume wurden vorsorglich für die geplante Universität von der Pensionskasse gebaut. Doch durch die ablehnende Volksabstimmung (1978) waren diese Räume ungenutzt vorhanden. Ich schaute mir mit meinem Vater Hans Bachmann im Jahr 1979 diese Räume an und konnte mich für diese zwei je 1’500 m2 grossen Räume begeistern. Besonders die praktische Lage nahe beim Bahnhof und die guten Zufahrtsstrassen hatten mich überzeugt. Am Samstag, 30. August 1980, war Umzugs­termin der Backstube. Am Samstag wurde bis 10 Uhr in der alten Backstube gearbeitet. Dann wurden über das Wochenende alle ­Maschinen verschoben, und am Montag­morgen, 1. September 1980, um 2 Uhr wurde in der neuen Backstube an der Werkhofstras­se 20 produziert. Leider erlebte mein Vater den Umzug der Backstube nicht mehr, er verstarb im Januar 1980.

Im ersten Jahr wollten einige Mitarbeitende wieder in die alte Backstube zurück, sie fanden die neuen Arbeitsräume viel zu gross und die Wege innerhalb der Produktion zu lang. Durch die positive Entwicklung des Geschäftes wurden die neuen Räume jedoch bald gefüllt, und Fachleute aus ganz Europa ­kamen zur Backstubenbesichtigung.

Sie haben sogar Pralinés nach Amerika geliefert – dazu gibt es sicher Spannendes zu erzählen.
Durch einen Vermittler, Marcel Köpfli, kamen wir mit der Nobel­warenhauskette «Neiman Marcus» in Amerika in Verbindung. Wir hatten im Jahr 1985 einen Vertrag für die Lieferung von acht Tonnen Pralinés pro Jahr. Für die Ein­führung und Bekanntmachung reiste ich für zwei Wochen nach Amerika und habe dort Pralinés von Hand überzogen und als Versucherli kostenlos an die Kunden abgegeben. Vielfach stand eine Schlange von 50 Personen an, um ein frisches ­Praliné ­kosten zu können. In San Diego gab es Kunden, denen Luzern und sogar unser ­Unternehmen bekannt war. In San Francisco hatte «Neiman Marcus» am Union Square ein neues Haus eröffnet. Da besuchten am ersten Tag 60’000 Kundinnen und Kunden das ­Geschäft, neue Kunden wurden erst wieder hineingelassen, wenn genügend aus dem Haus gegangen waren. Vier stämmige ­Türwächter in Uniform kontrollierten die Eingänge.

Zwei Jahre später kam im November die Meldung aus Dallas, dass die Sendung von zwei Tonnen Pralinés geschmolzen sei, die Lufthansa hatte kein Kühlhaus mehr. Wir mussten innert zwei Wochen die Ware nachliefern. Das war für unseren ­kleinen Handwerksbetrieb eine Überforderung. Dadurch hatten wir in unseren eigenen Geschäften zu wenig Ware. Da beschlossen wir, die Lieferung einzustellen und uns auf unsere eigenen Verkaufsgeschäfte zu konzentrieren.

Sie schafften es sogar, dass die gesamte Astronauten-­Crew der NASA mit Spritzglasur Autogramme schrieb. Wie haben Sie das hinbekommen?
Ein Besuch des Astronauten Claude Nicollier mit der NASA-­Crew im ­Verkehrshaus in Luzern war angesagt worden. Der damalige Tourismusdirektor Kurt H. Illi kam zu mir und bat mich um Organisation eines Gags für diesen hohen Besuch. So montierten wir auf der Spreuerbrücke eine Weltraum­rakete aus Schokolade, auf welche der bekannte Astronaut mit Schokolade unterschreiben musste. Als Erinnerung erhielt er kleinere Schokoladenraketen aus unserem Haus für seine ­Familie und Freunde zu Hause.

Sie haben immer sehr grossen Einsatz erbracht, um etwas Aussergewöhnliches auf die Beine zu stellen. So haben Sie z. B. im Shoppingcenter Emmen die grösste Geburts­tagstorte der Welt aufgestellt. Dies wurde sogar im ­Guinessbuch der Rekorde eingetragen. Wie kam es dazu?
Wir waren Mieter im Shoppingcenter Emmen mit ­einem Verkaufsgeschäft mit Café. Der Direktor Josef Esterhazy wünschte eine riesengrosse Geburtstagstorte zum 10. Geburtstag des Centers im Jahr 1986. Wir offerierten eine Torte mit 18 Etagen über alle drei Stockwerke. Die Torte wurde im Center selbst während der Öffnungszeiten vor den Kunden hergestellt und Etage um Etage mit zwei Hubstaplern angehoben. Am nächsten Tag wurde die Torte unter 12’000 Besuchern verteilt. Der Eintrag ins Guinessbuch wurde uns bestätigt.

Ein Jahr später wollte die Centerleitung an Weihnachten ein Lebkuchenhaus. Bedingung war, dass der Samichlaus vom Center die Kinder im Lebkuchenhaus in Empfang nehmen konnte. Das erforderte eine genaue Planung mit einer Unterkonstruktion aus Holz, die wir mit Lebkuchen behängen konnten. Das Lebkuchenhaus war acht Meter hoch und es musste sichergestellt sein, dass die abgegebenen Lebkuchen an die Kinder noch geniessbar waren. Die ganze Aktion wurde durch Anwälte kontrolliert und bestätigt, sodass der Eintrag ins Guinessbuch eingeschickt werden konnte.

Ihr Fachgeschäft «au Cœur fou» war ebenfalls weit über die Stadtgrenzen bekannt. Wie kam es zu dieser Idee und was war die Motivation, ein solches Geschäft zu betreiben?
Seit eh und je sind Pralinés und Schokoladenspeziali­täten beliebte Geschenkartikel. In unserer Schokoladen-­Boutique «au Cœur fou» führten wir ein sehr exklusives Angebot verschiedenster Geschenkartikel, die natürlich immer mit ­feinen Schokoladenspezialitäten aus unserem Haus kombiniert wurden. In einem eigens dafür geschaffenen Atelier gestalteten wir sehr aufwendige Verpackungen und Fensterdekorationen, die stets zur jeweiligen Saison passten und die weit über die Stadtgrenze hinaus bekannt waren. Im «au Cœur fou» konnten wir unserer Kreativität freien Lauf lassen.

Der manchmal heikle Generationenwechsel war ­anscheinend kein Problem für Sie. Wie haben Sie diese Zeit persönlich erlebt?
Für meine Frau und mich war der Wechsel in der ­Führung unseres Geschäftes nie ein Problem. Es war für uns selbstverständlich, dass Veränderungen stattfinden und ­unsere Söhne neue Ideen und Erfahrungen in das Geschäft einbringen würden. Die positive Entwicklung konnten wir täglich ­miterleben und unsere Erfahrungen miteinfliessen lassen. Von Jahr zu Jahr spürten wir die stärkere Einflussnahme ­unserer Söhne und die Akzeptanz der Mitarbeiterinnen und Mit­arbeiter. Es ist ein freudiges Erlebnis, wenn man diese Zeit der Übernahme so positiv und harmonisch erleben darf.

War es in Ihrer Familie immer klar bzw. eine Erwartung an die Söhne, dass sie das elterliche Geschäft übernehmen werden?
Wir haben unseren Söhnen die freie Wahl für einen Beruf gelassen und hätten sie auch in einem anderen Beruf unterstützt. Wenn der Beruf nicht mit Freude und einer tiefen Überzeugung gewählt wird, kommt es in der selbstständigen Tätigkeit kaum zum Erfolg. Für Raphael war es schon in jungen Jahren klar, dass er Bäcker-Konditor werden wollte. Matthias brauchte für seine Entscheidung etwas Zeit, hat dann aber mit voller Überzeugung den Beruf gelernt. Wir sind natürlich sehr glücklich, dass sich beide Söhne für unseren Beruf entschieden haben und heute mit Freude und Lust unser Geschäft ­erfolgreich weiterführen.

Woher nahmen Sie immer die neuen Ideen?
Die Impulse für neue Ideen kamen immer spontan durch Kontakte oder Ereignisse. Bekam eine Schweizer Skifahrerin eine Goldmedaille, so machten wir spontan einen Goldengirl-Taler. Natürlich brachte uns auch unsere treue Kundschaft immer wieder auf neue Ideen.

Wie viele Lehrlinge haben Sie in Ihrer Karriere als ­Confiseurmeister ausgebildet?
In meiner 35-jährigen Geschäftstätigkeit waren es ungefähr 180 Lehrlinge.

«Ihnen verdanken wir alles!»

Raphael Bachmann über seine Eltern
«In der Ausbildung und während meiner Wanderjahre habe ich viele fachliche Kompetenzen erworben und wichtige Lebenserfahrungen gesammelt. Doch die Freude am Beruf, den Ehrgeiz, immer wieder Unmögliches möglich zu machen und die Fähigkeit, mit Menschen zu kommunizieren, sie zu achten und zu fördern – diese Dinge habe ich von meinen Eltern gelernt. Ihnen verdanken wir alles!» 

Matthias Bachmann über seine Eltern
«Meine Eltern pflegten Kontakte zu Fachleuten quer durch die Welt, von Belgien bis nach Spanien und von Japan bis nach Amerika. Sie sind positive und offene Menschen und suchen ständig Ideen und Verbesserungs­möglichkeiten. Wenn wir früher mit der Familie verreisten, besuchten wir nicht nur die Sehenswürdigkeiten eines Landes, sondern auch immer die besten Konditoreien. So wurden mein Bruder und ich von Kindesbeinen an in unser Geschäft und unser Handwerk involviert. Meine Eltern hatten immer eine Vision und gute Mitarbeitende an ihrer Seite.»